{"id":595,"date":"2010-09-15T19:37:27","date_gmt":"2010-09-15T17:37:27","guid":{"rendered":"http:\/\/dorothee-elisabeth-tretschlaff.de\/?p=595"},"modified":"2020-11-18T18:03:43","modified_gmt":"2020-11-18T17:03:43","slug":"donnerstag-im-dominikanerkloster-silke-kamp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dorothee-elisabeth-tretschlaff.de\/?p=595","title":{"rendered":"Dr. Silke Kamp: \u201eVon Teufelsbannern und z\u00e4nkischen Weibern \u2013 Hexenprozesse in Brandenburg\u201c"},"content":{"rendered":"<h5>4. Vortrag Dominikanerkloster: Donnerstag, 16.09., 19:00, Dr. Silke Kamp, Potsdam<\/h5>\n<p>Silke Kamp ist promovierte Historikerin, die an der Universit\u00e4t Potsdam studierte. Ihre Magisterarbeit von 2001, auf der der Vortrag basiert, <a href=\"http:\/\/www.historicum.net\/themen\/hexenforschung\/thementexte\/magisterarbeiten\/art\/Arbeit_und_Magi\/html\/ca\/cd1b861f67\/?tx_mediadb_pi1[maxItems]=14\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Arbeit und Magie in Brandenburg der Fr\u00fchen Neuzeit&#8220;<\/a>, ist auf historicum.net ver\u00f6ffentlicht. Ihr Hauptinteresse liegt auf Aspekten des gesellschaftlichen Gef\u00fcges, das bestimmte Verhaltensmuster und Handlungen bedingt und hervorruft.<br \/>\nKamp stellte zwei historische Hexenprozesse aus Brandenburg vor, an denen sie den Begriff der Magie und die Bedeutung des gesprochenen Wortes in einer mehrheitlich schriftlosen Gesellschaft der Fr\u00fchen Neuzeit erl\u00e4uterte.<!--more--><\/p>\n<p>Hermann Mencke war von Beruf ein sogenannter Teufelsbanner, der in Rathenow um die Jahrundertwende von 16. zum 17. Jahrhundert damit sein Geld verdiente, dass er als berufsm\u00e4\u00dfiger Magier bei auftretenden Krankheiten bei Tier und Mensch,\u00a0 in der Hellseherei, bei verdorbener Milch oder Bier und sogar der \u00dcberf\u00fchrung von Dieben in einem Umkreis von 25 km t\u00e4tig war. Krankheiten behandelte er als Austreibung von D\u00e4monen. Hierzu vertraute er auf die D\u00e4monenvertreibende Wirkung von Kr\u00e4utern und dem Johannesevangelium, das er seinen Kunden\/Patienten einfach auf den Kopf legte, denn lesen konnten weder Herman Mencke noch der Gro\u00dfteil seiner Kunden. Solche Magier waren selten in Gefahr der Hexerei\/Zauberei bezichtigt zu werden \u2013 man nutzte ihre Dienste, bevor man einen Pastor oder gar einen Arzt konsultierte, auch aus finanzieller Erw\u00e4gung. Oft lebten diese Teufelsbanner dennoch isoliert am Rander der Gesellschaft. So wird es 1608 im Fall des damals ca. 40-50 Jahre alten Menckes dennoch zu einer Anklage wegen Hexerei gekommen sein, weil m\u00f6glicherweise eine \u201cBehandlung\u201d keinen Erfolg brachte \u2013 die ansonsten sehr ausf\u00fchrlichen Akten geben dar\u00fcber keine Auskunft. Sehr wohl ist aber vom lokalen Gericht wie auch vom, eigentlich in einem solchen Fall zust\u00e4ndigen, Brandenburger Sch\u00f6ffenstuhl in Akten und Gutachten \u00fcberliefert, wie hier Mencke in so genannter g\u00fctlicher Befragung geschickt auf die Frage, ob er zaubern k\u00f6nne und mit dem Teufel paktiere, antwortete, dass er sich zwar mit Kr\u00e4utern auskenne, aber nicht wisse ob es Gottes Wille oder seine eigenen Kenntnisse seien, wenn eine Behandlung wirke. Daraufhin \u00fcberschreitet das Rathenower B\u00fcrgergericht seine Kompetenz und l\u00e4\u00dft ohne R\u00fccksprache mit dem Sch\u00f6ffenstuhl die Folterinstrumente zeigen. Mencke\u00a0 \u201cgesteht\u201d eine Zusammenarbeit mit dem Teufel. Nach der Genehmigung der Folter durch das Sch\u00f6ffengericht gesteht Mencke weitere Details seines vermeintlichen Paktes mit dem Teufel und wird hingerichtet.<\/p>\n<p>Dieser Fall verdeutlicht wie Magie in einer Kombination mit Gottesgl\u00e4ubig- und Teufelsf\u00fcrchtigkeit zum Alltag der Fr\u00fchen Neuzeit geh\u00f6rte. Die Angst vor Krankheit, Not und Verlust lie\u00df die einerseits akzeptierte und genutzte Magie im Kontext einer Bezichtigung wegen Hexerei in ein Delikt, das mit Todesstrafe belegt war, \u201cumkippen\u201d.<\/p>\n<p>Der zweite von Kamp geschilderte Fall ereignete sich zwischen 1611 und 1614 in Liebenwalde. Der Frau des Peter Boister, der \u201cBoisterschen\u201d entwischt das Federvieh beim G\u00e4nseh\u00fcten und zerrupft auf dem Land des Nachbarn Tewes Frantze die Ernte. Frantze erschl\u00e4gt vor den Augen seiner Nachbarin drei G\u00e4nse spontan und diese reagiert statt mit k\u00f6rperlicher Gegengewalt mit Worten \u201cDu sollst vergehen, wie der lichte Tag vergeht\u2026 Du sollst vertrocknen wie ein Distelstrauch\u201d. Frantze verweigert in der Folge Entsch\u00e4digung an die Boisters und erkrankt einige Zeit sp\u00e4ter, nachdem ihm bereits eine Kuh und ein Schwein eingegangen waren. Die H\u00e4ufung dieser Schicksalschl\u00e4ge bringen ihn dazu die Boistsche der Hexerei zu bezichtigen. Das Gericht bel\u00e4\u00dft die g\u00fctliche Befragung bei einer Ermahnung, sich schuldig zu bekennen, falls Zauberei zur Anwendung kam, da es sonst einen b\u00f6sen Ausgang mit ihnen nehmen w\u00fcrde. Der Boistschen gelingt es aber \u00fcberzeugend darzulegen, dass sie zwar w\u00fctend und ausfallend war, aber nicht nach der Gesundheit ihres Nachbarn trachtete. In diesem Fall wird aus der Anzeige keine volle Anklage, aber der Ruf des Ehepaares Boisters ist in Liebenwalde wohl derartig ramponiert, dass sie sich 1614 dazu entschlie\u00dfen wiederum vor Gericht Tewes Frantze aufzufordern die Anschuldigungen der Hexerei zur\u00fcckzunehmen. Vermutlich wurde auch dieses Verfahren eingestellt \u2013 hier erwies sich das \u00f6rtliche Gericht als so weitsichtig einen nachbarschaftlichen Streit nicht eskalieren zu lassen.<\/p>\n<p>Interesssant ist an diesem Fall f\u00fcr Kamp, dass man hier ersehen kann, wieviel Bedeutung und Kraft dem gesprochenen Wort beigemessen wurde. Worte konnten eine Waffe sein, da man an die Wirksamkeit von Fl\u00fcchen glaubte.<br \/>\nDas gesprochene Wort wirkte in der Magie zum Guten (im Heilzauber) oder Schlechten (bei Fl\u00fcchen). Magie wurde auch gern in Kombination mit religi\u00f6sen Elementen eingesetzt. Segensspr\u00fcche wurden um Gebete erg\u00e4nzt und von der Bibel versprach man sich eine Heilwirkung, wenn man sie auf die schmerzende Stelle legte. So war Magie eine Deutungsm\u00f6glichkeit der Welt, die in Ausnahme- und existenziellen Situationen Hilfe versprach. Diese Art der Welterkl\u00e4rung l\u00e4\u00dft sich in Rudimenten auch heute noch in Br\u00e4uchen finden (Misteln \u00fcber T\u00fcren, Pfingstb\u00e4nder, vierbl\u00e4ttrige Kleebl\u00e4tter usw.), sie ist insofern auch Teil des heutigen Bewu\u00dftseins.<\/p>\n<p>Die fr\u00fchneuzeitliche Verquickung dieser Magie-Vorstellungen mit der Angst vor dem Einflu\u00df des Teufels ging eine unheilvolle Verbindung ein, die es heute noch schwer macht nachzuvollziehen, wie die Menschen so systematisch wie grausam gegeneinander werden konnten.<br \/>\nKamp nannte am Ende ihres Vortrages noch Lieselott Enders, <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-Uckermark-Geschichte-kurm%C3%A4rkischen-Jahrhundert\/dp\/3830514905\/ref=sr_1_9?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1284721774&amp;sr=8-9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Uckermark. Geschichte einer kurm\u00e4rkischen Landschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert<\/a>, Weimar, 1992, als eine n\u00fctzliche Sekund\u00e4rliteratur f\u00fcr die bislang immer noch nicht vollst\u00e4ndig erforschte Geschichte der Hexenverfolgung in Brandenburg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Vortrag Dominikanerkloster: Donnerstag, 16.09., 19:00, Dr. Silke Kamp, Potsdam Silke Kamp ist promovierte Historikerin, die an der Universit\u00e4t Potsdam studierte. Ihre Magisterarbeit von 2001, auf der der Vortrag basiert, &#8222;Arbeit und Magie in Brandenburg der Fr\u00fchen Neuzeit&#8220;, ist auf historicum.net ver\u00f6ffentlicht. 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