{"id":603,"date":"2010-09-17T10:02:33","date_gmt":"2010-09-17T10:02:33","guid":{"rendered":"http:\/\/dorothee-elisabeth-tretschlaff.de\/?p=603"},"modified":"2020-11-18T18:03:20","modified_gmt":"2020-11-18T17:03:20","slug":"heute-vortage-von-m-genesis-und-v-czech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dorothee-elisabeth-tretschlaff.de\/?p=603","title":{"rendered":"Dr. Marita Genesis: \u201eGek\u00f6pft und verscharrt \u2013 Bestattungen auf dem Richtplatz. Eine arch\u00e4ologisch historische Betrachtung\u201c"},"content":{"rendered":"<h5>5. Vortrag Dominikanerkloster: Freitag, 17.9., 19:00, Dr. Marita Genesis, Potsdam<\/h5>\n<p>Marita Genesis studierte in Potsdam und Berlin Geschichte und Arch\u00e4ologie und promoviert derzeit zum Thema Richtst\u00e4ttenarch\u00e4ologie. Sie leitete zum Zeitpunkt der Themenwochen eine Grabung an einer Richtst\u00e4tte in Th\u00fcringen. Seit vier Jahren f\u00fchrt Genesis arch\u00e4ologische Grabungen gezielt an Hinrichtungsst\u00e4tten durch. So fanden Kampagnen in Polen an der Templerkomturei Chwarszczany und am Galgenh\u00fcgel in Alkersleben statt. Bereits 2006 hatte sie ihre Magisterarbeit an der Historischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Potsdam \u00fcber die \u201eScharfrichter in Brandenburg an der Havel\u201c eingereicht.<!--more--><\/p>\n<p>Genesis stellte einleitend dar, dass es im christlich gepr\u00e4gten Kulturkreis spezifische Vorstellungen zum Jenseits wie auch zum Eintritt ins Paradies gibt, die sich bis weit in die Neuzeit und sogar bis in die Gegenwart halten. Seit alters her legte man im Christentum Wert auf eine geb\u00fchrende Bestattung in geweihter Erde, denn nur so k\u00f6nne man bei der Auferstehung am J\u00fcngsten Tag mit ins Paradies einziehen. Demzufolge galt eine Bestattung au\u00dferhalb des Friedhofs als Bestrafung. Versch\u00e4rft wurde die Strafe, wenn der Tote durch das Feuer vernichtet oder im Wasser ertr\u00e4nkt wurde, also sein Leib gar keinen Ruheplatz fand. Ebenso als <em>posthum<\/em> strafversch\u00e4rfend galt die Position des Leichnams auf dem Bauch oder auf der Seite, den Kopf nicht wie \u00fcblich westw\u00e4rts ausgerichtet, denn damit vers\u00e4umte der Verstorbene den Einzug ins Paradies.<br \/>\nDie Richtst\u00e4ttenarch\u00e4ologie ist eine relative junge Disziplin, erst seit ca. 15 Jahren werden auch St\u00e4tten der Fr\u00fchen Neuzeit arch\u00e4ologisch erschlossen und die Befunde erweisen sich oft als Erg\u00e4nzung zu schriftlichen Quellen, die bereits vorliegen.<\/p>\n<p>Richtst\u00e4tten lagen an exponierten Pl\u00e4tzen meist au\u00dferhalb von Ortschaften, auf weithin sichtbaren Anh\u00f6hen oder an Wegkreuzungen, so dass die dort teils monatelang verbleibenden und dem Tierfra\u00df ausgesetzten Leichname der Abschreckung dienten. Entgegen der langl\u00e4ufigen Vorstellung eines Galgens beispielsweise aus Westernfilmen, waren diese drei- oder vierschl\u00e4frig, das hei\u00dft, dass auf drei bzw. vier gemauerten S\u00e4ulen, die im Dreieck bzw. Viereck angeordnet waren, h\u00f6lzerne Balken verankert waren \u2013 so konnten mehrere Delinquenten gleichzeitig dort hingerichtet werden. Es gab auch tempor\u00e4re Galgen, die ganz aus Holz gebaut waren \u2013 allerdings galt es als unehrenhaft f\u00fcr Handwerker einen Galgen zu errichten \u2013 so ist aus Prenzlau \u00fcberliefert, dass alle Zimmerm\u00e4nner der Stadt gemeinsam einen neuen Galgen errichteten, damit keiner ihrer Zunft sich allein dem Makel stellen mu\u00dfte, dies getan zu haben.<\/p>\n<p>Bei den verh\u00e4ngten Todesurteilen wurden je nach Delikt solche mit \u201cehrenhaften\u201d oder \u201cunehrenhaften\u201d Attributen unterschieden. \u201cEhrenhafte\u201d Todestrafen erm\u00f6glichten eine anschlie\u00dfende Beerdigung auf einem Friedhof (ggf. am Rande eines solchen), bei \u201cunehrenhaften\u201d Todesstrafen wurden die Leichen \u201cverlocht\u201d, d.h. achtlos neben oder im Zentrum der Richtst\u00e4tte verscharrt. Die gro\u00dfe Diskrepanz zwischen der Anzahl der in den Stadtrechtsquellen aufgef\u00fchrten Todesurteilen und den tats\u00e4chlich auf den Richtst\u00e4tten aufgefundenen Leichnamen ergibt sich aus diesen verh\u00e4ngten \u201eehrlichen\u201c bzw. \u201eunehrlichen\u201c Strafen. \u201eEhrliche\u201c Strafen, wie die Enthauptung und das Ertr\u00e4nken erm\u00f6glichten, wenn im Urteil nicht anders verf\u00fcgt wurde und der S\u00fcnder Reue gezeigt hatte, ein christliches Begr\u00e4bnis in geweihter Erde.<\/p>\n<p>Dem Amt des Scharfrichters waren zur Sicherung seines Lebensunterhaltes oft mehrere Abdeckereien angeschlossen, er selbst durfte diese T\u00e4tigkeit nicht ausf\u00fchren, das \u00fcbernahmen eigens die daf\u00fcr angestellten Abdecker (Wasenmeister, Schinder) , demzufolge wurde der Richtplatz \u00a0auch gleichzeitig als Schindacker genutzt. Ein Grund daf\u00fcr, dass neben den menschlichen \u00dcberresten auch tierische gefunden werden. Dies kann wiederum auch der Fall sein, wenn zur besonderen Erniedrigung eines Todeskanditaten dieser gleichzeitig mit Tieren hingerichtet wurde (wie auf einer Darstellung von 1547 einer Z\u00fcrcher Chronik zu sehen war).<\/p>\n<p>Bei den auf Grabungen geborgenen menschlichen \u00dcberresten lassen sich anhand der Anordnung der Skelette R\u00fcckschl\u00fcsse auf verschiedene Todesstrafen schlie\u00dfen. Bislang gelang es jedoch kaum Spuren von einer der T\u00f6tung m\u00f6glicherweise vorausgegangenen Folterung nachzuweisen, da diese vor allem Schmerzen zuf\u00fcgen und keine Knochen brechen lassen sollten.<\/p>\n<p>Eine \u201cehrliche\u201d Strafe (f\u00fcr z.B. Kindst\u00f6tung, Inzest, Kuppelei und Gottesl\u00e4sterung), zu der vor allem Frauen \u201cbegnadigt\u201d werden konnten, war das Ertr\u00e4nken, bei dem die TodeskandidatInnen mit unter den Knien gefesselten Armen, oder in einen Sack gesperrt ins Wasser gesto\u00dfen wurden und ertranken. In arch\u00e4ologischen Befunden lassen sich m\u00f6glicherweise Spuren dieser Hinrichtungsart in den \u201cHockerbestattungen\u201d erkennen \u2013 die Opfer wurden nach Eintritt des Todes immer noch gefesselt vor Ort verscharrt, wenn ihre Angeh\u00f6rigen beispielsweise den Leichnam nicht ausl\u00f6sten und auf einem Friedhof bestatten konnten.<\/p>\n<p>Eine weitere \u201cehrliche\u201d und oft Gnadenstrafe war die Dekapitation (Enthauptung), bei der der Henker sein ganzes Geschick darin legte, mit dem Schwert in einem Schlag den Kopf vom Rumpf des Delinquenten abzutrennen. Der Henker war der einzige B\u00fcrger, der ein Schwert f\u00fchren durfte \u2013 dieses hatte eine abgerundete Spitze und seine Fertigkeit wurde durch \u00dcbung an Kohlk\u00f6pfen oder Tieren bis zu Meisterschaft, die ihm von einem anderen Henker best\u00e4tigt wurde, erlangt. Henker geh\u00f6rten einer st\u00e4dtischen Randgruppe an und galten in vereinzelten Landesteilen sogar als unehrenhaft. Iin etlichen St\u00e4dten unterlagen sie auch einer speziellen Kleiderordnung, allerdings erlangten sie h\u00e4ufig durch ihre Abdeckert\u00e4tigkeit einigen Wohlstand und lebten keinesfalls isoliert weit au\u00dferhalb der St\u00e4dte. Wenn ein Henker bei einer Hinrichtung versagte, so konnte es vorkommen, dass er dem geifernden Mob selbst zum Opfer fiel \u2013 man erwartete, dass er sein Handwerk verst\u00fcnde und den Opfern einen schnellen Tod bereiten konnte.<\/p>\n<p>Eine \u201eunehrliche\u201c Strafe war das Verbrennen, das auf Mordbrand, Ketzerei, Zauberei, Vergiftung, M\u00fcnzf\u00e4lschung, schwere Unzucht, Kirchendiebstahl und Sodomie stand. Das Feuer sollte in diesen F\u00e4llen als reinigendes Element das B\u00f6se von der Erde tilgen. In Gnadenf\u00e4llen wurden die Angeklagten vor der Verbrennung unauff\u00e4llig erdrosselt oder durch einen Stich ins Herz get\u00f6tet. Damit durch fliegende Funken nicht h\u00f6lzerne Galgen mit in Brand gesteckt wurden, errichtete man die Scheiterhaufen in sicherer Entfernung. Arch\u00e4ologisch lassen sich bislang kaum \u00dcberreste von Scheiterhaufen und Brandpf\u00e4hlen nachweisen, da es Teil der Strafe war, dass alle \u00dcberreste getilgt werden sollten \u2013 die vom Teufel besessene Seele wurde vom l\u00e4uternden Feuer gereinigt und die Asche in alle Winde zerstreut.<\/p>\n<p>Marita Genesis ging in ihrem Vortrag auf weitere Details verschiedener Hinrichtungsmethoden ein. Empfohlen sei bei weitergehendem Interesse das neu erschienene Kompendium <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Richtst%C3%A4ttenarch%C3%A4ologie-Jost-Auler\/dp\/393847307X\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Richtst\u00e4ttenarch\u00e4ologie<\/a>, in dem auch Abhandlungen von ihr enthalten sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. 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